Bierverkostung Nr. 1: Wer braucht das Reinheitsgebot?

Wie anhand der eigenen Kategorie “bierfidel” und der Bierkarte zu erkennen ist, besteht der Plan, auf diesem Blog auch über diverse Ausflüge in die Welt von Gerste, Malz und Hopfen zu schreiben. Es soll in erster Linie um besondere Biere von besonderen Brauern gehen. Dabei schwimme ich bei einem Trend mit, der von den USA ausgehend immer weitere Kreise zieht und auch hierzulande eine wachsende Menge an Anhängern hat. Bei diesem Trend handelt es sich einerseits um die Wiederentdeckung der Biervielfalt und andererseits um die Qualitäten von handwerklich hergestelltem Bier kleiner und leidenschaftlicher Braumeister (sogenanntes “craft beer”).

Und da Biertrinken alleine ziemlich fad ist, habe ich vor einiger Zeit eine kleine aber feine Bierverkostungsgruppe ins Leben gerufen. Es handelt sich um einige Freunde, die erwiesenermaßen gutes Bier zu schätzen wissen und ihren Bierhorizont erweitern wollen. Wir sind alles noch Laien, was die Bierverkostung angeht, aber lernwillig und -begierig. Unsere ersten Verkostungen werden noch nach einfachem Schema ablaufen. Wir verzichten vorläufig auf die gängige Einteilung in Vortrunk, Nachtrunk, Rezenz und konzentrieren uns auf den Gesamteindruck. Langfristig wollen wir aber durchaus in der Lage sein, ordentliche Verkostungsnotizen zu machen. Aber dieses Know-How muss sich zunächst durch intensives Praktizieren erarbeitet werden.

Wir werden meistens einem bestimmten Thema folgend ausgewählte Biere verkosten. Dadurch haben wir die Möglichkeit, Neues kennenzulernen, einen direkten Vergleich anzustellen, unseren Biergaumen weiter zu schulen und ihn für die kleinen Unterschiede zu sensibilisieren. Thema des jeweiligen Bierabends kann sowohl ein gewisser Biertyp (Weizen, Pils, Bock, IPA, Stout usw.), eine gewisse Bierregion (Tschechien, Belgien, Afrika) sein oder was auch immer gerade spassig erscheint (“Biere mit Tieren auf dem Etikett”, “Das geringste Übel: Dosenbiere unter 60 Cent”).

Das Thema der ersten Verkostung (firmierte auch unter “Beyond the Reinheitsgebot”) war als eine Grenzüberschreitung geplant. Wir verkosteten Biere, die nicht nur aus Hopfen, Gerste, Malz bestehen und deutlich gegen das Reinheitsgebot aus 1516 verstoßen. Als großzügige Entschädigung für den Regelbruch gab es neuartige Aromen und besondere Kräuterzugaben. Zur Verkostungsreihenfolge: Wie bei Wein sollte vom weniger intensiveren zum stärkeren oder aromatischeren Bier aufgestiegen werden. Das heißt vom geringerem Alkohol- und Stammwürzegehalt zum stärkeren. Helle vor dunklen Bieren.

Bierverkostung 1

1. Stift Schlägl BIO Roggen naturtrüb
Stammwürze: 12,3°
Alkohol: Vol. 4,9%
Anmerkungen: obergärige Altbierhefe, Mühlviertler Mailing-Hopfen

Nicht nur Belgien, auch Österreich hat seine Klosterbiere. Aus dem Kloster Schlägl im Mühlviertel stammte die Nummer 1 unserer Verkostung. Das Mühlviertel ist ein Hotspot alter österreichischer Braukunst und dort wird auch wieder fleissig Hopfen angebaut. Die Mühlviertler Hopfenproduktion lässt sich auf das 12. Jahrhundert zurückführen, erreichte im 19. Jahrhundert mit 1.000 ha ihren Höhepunkt und endete vorerst 1938 mit dem Anschluss Österreichs an das deutsche Reich und einem Rodungsbefehl aus Berlin. Seit damals ist sie im Wiederaufbau und hat in den letzten Jahren ordentlichen Schwung erhalten.

Das Reinheitsgebot von 1516 hatte viele Gründe, eines davon war die Unterbindung der Verwendung von wertvollen Brotgetreiden für die Bierproduktion. Roggen und Weizen wurden durch die berühmte Formel ausgeschlossen, was dem Herzog gleichzeitig die Möglichkeit bot, durch Ausnahmeregelungen die Weizenbierproduktion als teures Monopol finanziell auszunutzen.

2. Riedenburger historisches Emmerbier
Stammwürze: 12,8°
Alkohol: Vol. 5,1 %
Anmerkungen: Obergärig, naturtrüb, überwiegend aus historischem Urgetreide gebraut mit 50% Emmermalz sowie Einkorn-, Dinkel-, Gersten- u. Weizenmalz.

Aus dem gleichen Eck kam Kandidat Nr. 2. Die deutsche Brauerei in Riedenburg produziert Biere aus sogenannten Urgetreiden. Emmer wurde als wenig ergiebiges Korn durch andere Getreidesorten verdrängt und hat auch den Weg ins Bier nicht mehr gefunden. Das Emmerbier hat leider etwas schlecht abgeschnitten bei der Verkostung, was mir im Nachhinein ein Resultat der Verkostungsserie zu sein scheint. Zwischen den beiden anderen untergärigen Bieren wurde es als etwas zu unspritzig aufgefasst, was mir später bei einer der übriggebliebenen Flaschen überhaupt nicht negativ aufgefallen ist. Ist also im Enderegebnis etwas unter Wert gehandelt.

3. Hirter Bio-Hanfbier

Stammwürze: 11,6°
Alkohol: Vol. 4,8 %
Anmerkungen: Kärntner Bio-Hanf

Manche werden es schon wissen, andere nicht: Der botanisch nächste Verwandte des Hopfens ist der Hanf. Früher allgegenwärtige Nutzpflanze für Textilien, Seile usw. hatte es auch seine kulinarische Verwendung. Irgendwann im 20. Jahrhundert ist die Pflanze in Ungnade gefallen und wurde nach und nach in den meisten Ländern verboten. Schade, denn die Aromen sind sehr interessant und geben dem Bier eine ähnliche aber doch irgendwie ungewöhnliche Würze.

4. Hofstettner Honigbier
Stammwürze: 14,2°
Alkohol: Vol. 6,2 %
Anmerkungen: Mühlviertler Aromahopfen

Honigbier boomt derzeit. Eine Brauerei nach der anderen wirft in Österreich ein Honigbier auf den Markt, was ihrer Kollegenschaft in Deutschland leider nicht möglich ist. Und weshalb? Richtig, wegen des Reinheitsgebotes von 1516. Während die einen die Süße des Bieres zulassen, verwerten andere in erster Linie die Aromen und lassen Zucker in den Alkohol wandern, wo er hingehört.

Wer den besonderen Geschmack von Honigbier zu schätzen weiß, befindet sich damit außerdem in ausgezeichneter Gesellschaft. Barack Obama, der mächtigste Mann der Welt,  lässt im Weißen Haus Honigbier brauen und musste auf Druck der Öffentlichkeit das geheime Staatsrezept preisgeben.

5. Gusswerk Black Betty
Stammwürze: 12,8°
Alkohol: Vol. 5,4 %
Anmerkungen: Dunkles Spezialbier, Mühlviertler Aromahopfen

Es handelt sich um ein dunkles Bier, dem verschiedene Kräuter zugesetzt wurden: Wermuth, Gundlrebe, Girsch und Mädesüß. Wie beim Hanf war es vor dem Reinheitsgebot noch üblich, andere Kräuter als Hopfen für die Bierherstellung zu verwenden – sei es für Haltbarkeit, Geschmack oder auch als Heilkraut. Bier war früher nicht nur Genuss- sondern auch Lebensmittel und konnte durch bestimmte Kräuter auch als Heilmittel eingesetzt werden. Hopfen ist übrigens das beste Kraut für einen geruhsamen Schlaf und die Müdigkeit nach einigen Bieren nicht nur dem Alkohol zuzuschreiben.

Die schottische Brauerei der Gebrüder Williams produziert einige sehr interessante Biere mit einigen dieser alten Bierzugaben, darunter ein köstliches Fichtenzapfenbier. Leider sind sie sehr schwer zu bekommen, sonst wäre eines auf der Verkostungsliste gelandet. Aber zum Glück gibt es auch in Österreich kreative Brauer wie Reinhold Barta vom Brauhaus Gusswerk, der zunächst mit seiner “Horny Betty” das “geile Ziegenkraut” in die Bierflaschen brachte und mit der “Black Betty” noch eines nachlegte.

6. Siebenstern Chilli-Bier

Stammwürze: 11,8°
Alkohol: Vol. 4,7 %
Anmerkungen: naturtrüb

Muss das sein? Ja, es muss sein. Dieses Bier schmeckt vor allem… scharf. Es schmeckt sicher auch nach Bier, aber die Schärfe lenkt erfolgreich davon ab. Warum es trotzdem verkostet wird? Die überraschten Gesichter von allen, die Schärfe noch nie in dieser Form zu sich genommen haben, sind sehr unterhaltsam und dieses Bier ist ganz sicher nicht reinheitsgebotskonform.

Da es der erste Bierverkostungsabend war, mussten wir auch den Modus Operandi für heute und alle folgenden Abende festlegen. Wir haben uns für eine Skala von 1 bis 10 entschieden. Als Anfänger wollten wir nicht Punkte auf einzelne Kategorien aufteilen, aber gleichzeitig mehr Abstufungen als beim klassischen Schulnotensystem. Die Option bei mehr Erfahrung auf das komplexe System umzusteigen bleibt bestehen.

Hier also das Ergebnis. Erwartungsgemäß hat der Craftbrewer mit den besonderen Aromen die Nase vorn. Das Honigbier mit hohen Alkoholgrad und hoher Stammwürze und den zusätzlichen Aromen hat auch ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Das Chilli-Bier wurde leider von einigen Mitgliedern verweigert und von einem der Mutigen sehr hoch bewertet, was das überraschende Ergebnis erklärt. Das Emmer-Bier ist nach meiner Meinung, wie oben beschrieben, eindeutig zu schlecht bewertet.

  • Gusswerk Black Betty: 7,5
  • Hofstettner Honigbier: 7,25
  • Siebenstern Chilli-Bier: 7
  • Hirter Bio-Hanfbier: 6,75
  • Schlägl Bio Roggen: 6,5
  • Riedenburger historisches Emmer-Bier: 5,5

 

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